Das bessere ist immer Gott. Über Maria sitzend vor dem Herrn. Oder das Problem der Sonntagspredigt

Veröffentlicht: Juli 21, 2016 von Bastian Schlickeisen

Das Wort des Herrn ist oft genug irritierend. Eine Begebenheit, die viel Auslegung erfahren hat, ist die Szene Jesus im Haus von Marta und Maria. Der Herr hält eine Rede. Maria sitzt ihm zu Füßen, während Marta wahrscheinlich mit der Zubereitung des Mahles beschäftigt ist. Sie beklagt sich infolge bei Jesus über Maria, diese möge ihr doch zur Hand gehen. Die Replik von Jesus wird verschieden übersetzt: „Martha, Martha, du machst dir Soge und Unruhe um vieles, eines nur ist notwendig. Maria hat den guten Teil erwählt; der wird nicht genommen werden von ihr“ (Lk, 10,41f. nach Kürzinger 1953). Die Interlinearübersetzung von Dietzfelbinger (1990) lautet noch ähnlich: „Marta, Marta, du sorgst und wirst umgetrieben um vieles, an einem aber ist Bedarf: Maria nämlich das gute Teil hat sich erwählt, welches nicht genommen werden wird von ihr“. Sehr anders klingt die Ausgabe von Kistemaker (1849): „Martha, Martha, du bist sorgsam, und beunruhigst dich um Vieles! Nur Eins ist Noth! Maria hat den besten Theil erwählet, der ihr nicht wird genommen werden“. Die Einheitsübersetzung, die in der katholischen Kirche gelesen wird, lautet in dieser Weise: „Martha, Martha, du machst dir viele Sorgen und Mühen. Aber nur eines ist notwendig. Maria hat das Bessere gewählt, das soll ihr nicht genommen werden“.

Der Hörer dieser Worte steht, wenn er das Wort wirklich an sich heran lässt, verdutzt da: Kann Jesus, der die Liebe ist, so überraschend  antworten? Wie steht Martha da nach dieser Antwort? Ist ihr Dienen nicht diffamiert und damit eine Grundtugend des Christlichen? Ist das meditative Sitzen und Hören auf Gottes Wort, die priesterliche Arbeit, nicht überhöht? Und tatsächlich geht viele sonntägliche Auslegung dahin, einen beruhigenden Ausgleich dieser irritierenden Gottesrede zu versuchen, in der Art, beidem gleichzeitige Notwendigkeit zuzuschreiben, der vita activa wie der vita contemplativa. Der Baum müsse nach unten (Maria, Vertiefung des Glaubens) wie nach oben (Martha, Ausdruck des Glaubens in der Welt) wachsen. Allein, davon steht nichts in der Schrift.

Unsicherheit ist ein Kennzeichen des Lebens in der Welt. Viele Dinge unternimmt der Mensch berechtigterweise, sich abzusichern gegen sein Ausgesetztsein. Auch der Besuch der Kirche dient vielen Menschen, Gewissheit und Zuspruch zu erlangen über die menschliche Existenz. Indessen: Es gibt eine Gewissheit, die billig ist und eine, die durch- und errungen ist und, so die Behauptung, echter ist und länger hält. Letztere Gewissheit ist die, die der Illusion der Sicherheit ins Antlitz schaut. Die es erträgt, ein Wort Jesu zu hören, welches wir nicht sofort begradigen müssen, um es hören zu können. „Wer Ohren hat, der höre!“ (Mat 11,15) / „Was ich tue, verstehst du jetzt noch nicht; doch später wirst du es begreifen“ (Joh 13, 7). Jesus selbst stellt die Dysbalance zwischen seinem Wort und der Aufnahmefähigkeit des Hörers heraus.

Steht die Frage des Umgangs mit diesem fordernden Ungleichgewicht, welches einzusehen und anzusehen, ein erster Schritt ist. Vielmehr, vielleicht gehört sogar die Irritation und der Widerstand beim Empfänger dazu, das Wort in einem guten Moment zu erfassen. Was, wenn die Auslegung von Gottes Wort nicht das Feuer dieses Wortes löscht, sondern dieses direkt in die hörende Gemeinde hinein gibt? Wenn der Priester dieses Feuer geradezu herausstellt, anstatt eine beschwichtigende Lösung anzubieten? Kann nicht hier eine Eröffnung entstehen? Erwachsen zu werden heißt auch, Raum in sich selbst zu schaffen, um authentische Eruptionen zu ermöglichen. Marias Bleiben vor dem Herrn ist bedeutsam, wo sie sie sich voller Vertrauen aussetzt dem guten, besseren oder besten Teil aller wahrheitlichen Quellen. In Gott tritt das Eine an sie heran, in dem alles enthalten ist. Bevor der Baum wachsen kann, muss der Samen in die Erde geführt werden. Wo nicht, wird der Samen gefressen durch das viele, das Martha beunruhigt. Vertrauensvoll auszuharren vor Gott ist der Weg des religiösen Menschen – in einer per se unsicheren Existenz tiefgreifenden Zuspruch zu erfahren, auf den in jeder Enge rekurriert werden kann: Gott ist da. Er ist in meinem Haus und ich bleibe bei ihm. Er ist das rettende Wort, das ich nur aushalten muss, auf dass es rettend spricht. Das Wort falle nicht auf den Weg, sondern auf die Stelle.

(Bastian Schlickeisen)