Vom Volumen der Sätze Christi. 2 Abendsegen / Ein Projekt

Veröffentlicht: April 29, 2016 von Bastian Schlickeisen

Die Bibel ist kaum lesbar wie ein beliebiges Buch. Es werden nicht bloße Informationen vermittelt oder Unterhaltung gestiftet, sondern das Wort Jesu will uns auf einer energetischen Ebene treffen. Es spricht uns auf eine Weise an, die uns herauszieht aus dem alltäglichen Diskurs. Wir sind berührt, weil diese Worte nicht von dieser Welt sind und den Empfänger auch nicht nur auf diese Welt hin ansprechen. Etwas größeres ist mit jedem Wort Gottes im Gange. Es will ein wirklicher Befreiungsakt sein, der dem Menschen einen echten Grund gibt, auf dem und von dem her er wahrhaft leben kann. Vielleicht gehen wir deshalb gern der Beschäftigung mit diesen Texten aus dem Wege und ziehen die Lektüre einer Zeitung vor: Weil wir nicht Befreite sein wollen, das heißt nicht von uns selbst abzuheben den Mut haben. Wir lieben das Leben der Welt.

Die Worte Christi können uns helfen, und für jeden Menschen klingen zuzeiten diese oder jene Worte bedeutsam. Schon deshalb ist jeder Gläubige und Nicht-Gläubige selbst aufgerufen, das Buch der Bücher aufzuschlagen, um sich befreien zu lassen. Dabei gilt es, mit großer Aufmerksamkeit den Text durchzubuchstabieren, das heißt Wort für Wort zu lesen, langsam und bedächtig. Es sei, den Sinn nicht nur mit dem Verstand und der Theologie zu erfassen, sondern mit Hilfe des Heiligen Geistes im Herzen. Dabei ist eine absolute Urteilsfreiheit und Kritiklosigkeit erforderlich. Wenn du meinst, gegen das Wort Gottes eine eigene Meinung vorbringen zu können, bist du verloren.

Ein solches Lesen braucht Zeit und Geduld. Haben wir Zeit? Nein. Die Welt macht ihre Ansprüche geltend. Mit Gott ins Gespräch zu kommen, ins wahrhafte Hören hinein zu steigen, heißt, diese Ansprüche – zumindest ansatzweise – zu kreuzigen. Das Lesen muss ein unterbrochenes sein, ein innehaltendes an den Stellen, die zu uns sprechen. Es können nicht immer alle Stellen zu uns sprechen, aber es werden mit der Zeit immer mehr, je mehr der Geist sich reinigt. Wir können einen Satz herauslösen, der uns trifft, die Augen schließen und diesen Satz wie ein Mantra innerlich wiederholend durchsprechen – wie man eine Creme mehrfach auf eine verwundete Stelle der Haut aufträgt. Diesen Satz mache man sodann zu einem ständigen Begleiter, der in allen Situationen des Alltags seine Kraft entfaltet.

Vielleicht sagen Sie, liebe Schwestern und Brüder im Herrn, so mache ich es mit dem Vater Unser. Ich sage Ihnen: Wenn Sie für dieses Gebet mindestens 5 Minuten brauchen, es durchzukauen (wie die Mystiker sagen) und tief zu verkosten, dann kommen wir langsam in das Gefühl des Volumens der Worte Christi, das uns erfassen will. Dann werden wir Eins mit diesen Worten und sie bleiben nicht nur selbstbezügliche Bitten. Lassen wir uns Zeit mit Gott.

Im folgenden seien 2 Abendsegen wiedergegeben, die das mantrische Sprechen zweier Jesu-Worte nutzen und anbieten, um in die Ruhe der Nacht zu gelangen:

 

Abendsegen I

Wenn wir am Abend zur Ruhe kommen und nicht mehr das tun, was nur unserem Einkommen dient, wenn wir unseren Kopf ins Kissen betten, dann können wir eines großartigen Geschenkes gewiss sein: Das Fenster ZEIT öffnet sich, und vielleicht das erste Mal an diesem Tag. Wir haben Zeit, uns unsere nahesten und uns liebsten Menschen vor Augen zu stellen und für sie zu wünschen und zu bitten, uns mit ihnen, die fern sind, innig zu verbinden. Darüber hinaus haben wir Zeit, Gott selbst uns vor Augen zu stellen und zu ihm zu sprechen und zu fühlen, ihm Dank zu sagen und uns ganz und vorbehaltlos in seine Arme zu legen. Wir können Körper und Seele vollständig in ihn hinein sinken lassen, der immer sanftmütig und demütig ist im Herzen. Jesus sagt uns: „Kommt her zu mir, alle sich Abmühenden und Beladenen, und ich will zur Ruhe bringen euch“ (Mat 11,28). Wir finden Ruhe für unsere Seelen, da wir seine Botschaft, die sanft ist und leicht, nahe zu uns heran nehmen und mit ihr im Geiste still werden, sie wiederholend beten und dabei in die Nacht befreit entschlummern: „Nahe gekommen ist das Reich der Himmel“ (Mat 4,17).

Ich wünsche Ihnen, liebe Schwestern und Brüder im Herrn, eine beseligende und geborgene Nacht. Denn nahe gekommen ist das Reich der Himmel.

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Abendsegen II

Es ist gut, sich mit Gott im Gehirn zur Ruhe zu legen. Dann gehen auch die Träume in die richtige Richtung. Der Schlafende braucht keine Angst vor ihnen zu haben. Wir können ein weiches, sanftes Bild von Jesus uns vor die geschlossenen Augen stellen oder auch einen seiner Sätze vornehmen, den wir bis in dessen Tiefe hinein wirken lassen auf unsere Seele. Zum Beispiel dieser: „Herr nämlich über den Sabbat ist der Sohn des Menschen“ (Mat 12,8). Sabbat, das ist nicht nur ein bestimmter Tag, das ist auch immer jetzt! Sabbat, das ist die Ruhe vom äußeren Werke. Kehren wir unseren Blick auf Gott hin, sind wir zur Ruhe gebracht. Warum? In der Ruhe sein heißt, jeden Moment zu wissen, was es zu tun gilt. Zu helfen, wo Not ist, aber auch zu ruhen und loszulassen und die Notwendigkeit zu erkennen sich hinzugeben, wenn die Nacht ruft und sie das Leben erneuern will. Dies ist jetzt der Fall.

Liebe Schwestern und Brüder im Herrn, lassen wir Gott seinen Sabbat in uns halten, auf dass er uns Ruhe schenkt und uns trägt in sein Licht: „Der Herr nämlich über den Sabbat ist der Sohn des Menschen“.

 

Bastian Schlickeisen