Woran leidet der gegenwärtige Mensch? Über das Abschneiden des Mystischen als Grund christlicher Erlahmung

Veröffentlicht: Januar 11, 2016 von Bastian Schlickeisen

Liebe Schwestern und Brüder, Gott ist die Lösung von allen Leiden. Die Erde kann beben und Spalten sich auftun. Gottes Hand aber birgt immer, selbst dann, wenn wir Gott lassen. Dann – um mystisch zu sprechen – vertiefen wir noch stärker unsere Erfahrung mit Ihm; und unsere Liebe leuchtet nicht als Gebot, sondern vom göttlichen Grunde unseres Seins herauf…

Warum, so muss der engagierte Christ, der engagiert ist, weil er Gottes Liebe in sich erfährt, fragen, warum interessieren sich nur noch wenige für Gott als die Lösung aller Leiden? Gibt es eine Barriere zwischen dem Leiden des Menschen und dem heilenden Gott? Findet der Kranke nicht zum Arzt?

Den Menschen gelingt es offensichtlich nicht mehr, sich vom Diskurs der Kirche, die wir sind und die das Rezept ausstellt, angesprochen zu fühlen. Die Rede von Sünde und Schuld, mit denen, mehr oder weniger ausführlich, Gottesdienste beginnen, muss die meisten Menschen irritieren. Und Schuldgefühle machen nicht missionarisch. Predigten, die aus Christus einen Moralapostel machen und simplifizierte Wege des guten und richtigen Menschseins aufzeigen wollen, ergreifen den Suchenden nicht.

Wissen wir denn eigentlich genau, woran es den Menschen von heute fehlt? Sind wir in der Lage, unsere christliche Redeweise an den Sorgen und Nöten der Menschen, ob Christen oder Nicht-Christen, zu orientieren? Oder erwarten wir nicht vielmehr, dass die Menschen sich der Tradition der Rede der Kirche zuwenden und wundern uns schließlich, dass dies nicht geschieht?

Bemerkenswerterweise ist es Papst Franziskus, der kürzlich die Menschen in den Gemeinden nach ihrer tatsächlichen Lebenssituation befragte. Dies zeigt, dass er der Bischofssynode einen Impuls von „unten“ geben wollte, um trefflichere Entscheidungen zu ermöglichen. Überhaupt ist sein ganzes Pontifikat darauf ausgerichtet, dicht bei den Menschen zu sein – der Hirte, der den Geruch der Schafe trägt. Viele Gesten des Papstes zeigen, dass er wie Christus sich zu den Menschen gesellt und mit ihnen ist – und damit immer auch die hierarchische Struktur der Kirche durchbricht.

Woran leidet der heutige Mensch? Er erfährt keine Liebe mehr.

Wodurch kann ein Mensch Liebe, das ist Geborgenheit in Gott als Urgrund allen Seins, erfahren? Durch die Hinwendung unserer selbst zu dem Menschen. Dies gelingt authentisch jedoch nicht durch bloße Ermahnungen vom Ambo her, sondern einzig und mystisch durch den Abstieg in die ureigenste Tiefe, wo Gott immer wohnt und wartet. Dieser Abstieg, der in der Liturgie, in der Lektüre, in der Anbetung und der Kontemplation oder in der schönen Natur gelingen kann, hatte in der Kirche selten einen guten Klang. Große Heilige, wie etwa Hildegard von Bingen, sind nur mit viel Glück heute anerkannt. Andere, wie Meister Eckehart, harren in der Verbannung: „So weit du ausgehst aus allen Dingen, so weit, nicht weniger und nicht mehr, geht Gott ein mit all dem Seinen“. So kann aus einem vermeintlichen Rückzug, ein wahrer Brand entstehen.

Jeder Christ, der wirklich Christ sein will, muss sich fragen, ob er in sich jenen Glutkern der Liebe Jesu verwirklicht hat, welcher ihn schließlich interessant macht für Menschen, die diesen entbehren. In der Tiefe Gottes hören die Phrasen auf. „Feuer bin ich gekommen zu werfen auf die Erde“ (Luk 12,49). Wenn wir das Geheimnis der Menschwerdung Gottes innen begreifen, werden wir nach außen strahlen.

(Bastian Schlickeisen)