Zudringlichkeit (Lk 11,8). Von einer Anempfehlung Gottes

Veröffentlicht: August 10, 2016 von Bastian Schlickeisen

Verschiedenste Weisen sind denkbar, sich mit Gott in ein Verhältnis zu setzen. Man könnte das Hören und Kommenlassen Gottes in die eigene Stille als eine Möglichkeit betrachten, den Weg für Gott zu bereiten. Wenn wir den Raum von nur eigenen Geräten befreien, kann Gott sein Gerät, den Heiligen Geist, darin platzieren. Ist dies ein passives Tun, ist dies ein aktives, das Verweilen und Zuwarten auf Gottes Stimme – denkbar kniend vor dem Allerheiligsten, ruhend auf dem Meditationskissen, aufmerksam in der Lektüre geistbeseelter Worte, beschaulich  in der Natur? Passiv oder aktiv, entscheidend ist, dass es statt hat.

Das Evangelium besitzt immer wieder die Kraft, mit bestimmten Ausdrücken und Wendungen unsere Aufmerksamkeit zu erwecken. Dafür braucht es ein gewisses blinzelndes Zuhören, etwa am Sonntag in der Messe. Als würde man mehr hören können, wenn man weniger hinhört. Wenn nicht so sehr das Denken und bewusste Nachvollziehen die Lesungen begleitet, sondern ein von der inneren Anstrengung her gemildertes Lauschen, so dass sich an unvorhergesehenen Orten neue Einsatzpunkte eröffnen. Als würde ein gewisser Kontrollverlust eine Aufmerksamkeit anderer Art erzeugen, ein Sich-Überlassen dem Text diesem neue Offenbarungen entlocken.

Es kann passieren, dass wir uns wundern, dass dies oder jenes wirklich gerade gesagt wurde. So gibt es das Gleichnis Jesu von dem mitternächtlichen Freund, der an unser Haus anklopft und um drei Brote bittet. Es heißt, auch wenn wir die Brote nicht wegen unserer Freundschaft austeilen, so zumindest aber wegen der pochenden Zudringlichkeit des Bittstellers. „Denn jeder Bittende bekommt, und jeder Suchende findet“ (Lk 11,10). Ist dies also gar ein Anempfehlung Jesu, zudringlich zu sein? Ja, auf ihn hin zudringlich zu sein, das Bitten und Sichbeziehen auch ihn hin nicht abbrechen zu lassen, ihn im Blick zu behalten? Das Wort, wie es in der gebräuchlichen Einheitsübersetzung verlesen wird, lässt aufhorchen.

Josef Kürzinger  (1953) übersetzt die Stelle als „Drängen“ des Freundes, Kistemaker (1849) nutzt den Ausdruck des „Ungestüms“, welches die eingeforderte Bitte auf drei Brote schließlich erfüllt. Hinter den verschiedenen Worten wird allemal eine gewisse emotionale Unruhe deutlich, die nicht ablassen kann von ihrem Grund. Als wäre eben eine lebensnotwendige Not dahinter stehend, zu insistieren auf diese rettende Beziehung. Zudringlich zu sein hat hier keine negative Konnotation, wie man gemeinhin diesen beinahe angriffigen Akt verstehen könnte – wie die wiederkehrende Mahnung von einem Amt. Zudringlich zu sein bedeutet in Jesus Wort, auf eine Beziehung zu pochen, die unser Heil bringt. Diesen Glauben aufzubringen, dass hinter dieser Tür die Erlösung auf uns wartet – darauf zu dringend zu sein – scheint die Forderung dieser Passage.

Gott fordert jene Haltung von uns ein, in dem er durch sein im Kontext heiliger Rede un-passendes Wort auf uns zu dringt. Er weckt uns auf und verspricht uns, dass der Vater im Himmel den Bittenden den Heiligen Geist geben wird (Lk 11,13).  Wir können uns einen Gott wünschen, der auf uns zudringt – wie geschehen in der Menschwerdung Jesu Christi. Wir können uns aber auch als Zudringende verstehen, die entzündet sind – was Gottes Wunsch ist (vgl. Lk 12,49) – und die nicht ablassen ihm nachzugehen. Was können wir sonst tun?

 

(Bastian Schlickeisen)